"Krieg und Frieden" - 2. Vorbereitungsrunde zum "Tag des offenen Denkmals"

Mit einer Präsentation von Bildern und Postkarten aus dem Archiv des Dallgower Ortschronisten Manfred Kluger begann die Schreibgruppenarbeit beim letzten Treffen. Es präsentierte Doreen Büttner, eine junge Künstlerin aus dem Wohngebiet, die zum "Tag des offenen Denkmals" eine Ausstellung zum Thema "Krieg und Frieden" im Wasserturm vorbereitet.

Neben Bildern, die sie mit einer Kindergruppe aus der Kita am Wasserturm zum Thema "Frieden" erarbeitet hat, stellte sie der Schreibgruppe jenes Bildmaterial vor, das sie selbst für eine Dokumentation zum Thema "Krieg" zusammengestellt hat.

Dabei stehen glücklicherweise keine kriegerischen Auseinandersetzungen im Mittelpunkt, sondern die wechselvolle Geschichte von Dallgow-Döberitz. Die allerdings ist von mehr als 100 Jahren Militärpräsenz geprägt, denn das heutige Neu Döberitz war einst ein Truppenlager. Hinter einem großen Tor lebten hier Soldaten, die in der Döberitzer Heide den Krieg probten.

1895 bezogen die Truppen des Kaisers ihre Baracken, später folgten die Nazis und zum Schluss lebten hier die russischen Besatzungskräfte. Der Wasserturm gehörte zu den ersten Versorgungseinrichtungen, die auf dem Gelände errichtet wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass der Turm auf unzähligen Fotos und Ansichtskarten abgebildet ist.

Erstaunlich, überraschend, aber auch bedrückend wirkte das Bildmaterial auf die Kinder. Und es warf viele Fragen auf, die hier noch einmal zusammengestellt wurden:

Viele Fragen

Anschließend verschafften wir uns einen Überblick über die Besonderheiten von Textarten, die im Zusammenhang mit geschichtlichen und weltanschaulichen Themen verwendet werden: Dokumentation, Essay, historische/politologische Abhandlungen, Zeitzeugenberichte und Romane. Wie unterscheidet man objektive und subjektive Tatsachen?

Zum Schluss stand die Entscheidung an, welche Textsparte zur Vorbereitung des "Tag des offenen Denkmals" herangezogen werden soll. Erstaunlich einhellig fiel sie aus: Alle Schreibgruppenteilnehmerinnen möchten eine Geschichte schreiben, die ihren Ausgangspunkt in den Fragen und Gefühlen hat, die von den Bildern hervorgerufen wurden.


Zwei Texte zum "Tag des offenen Denkmals"

Hinter dem Tor
Jessica Hormemann, 13 Jahre
Es war 1940 und Laura, ein 13jähriges Mädchen, lebte mitten im 2. Weltkrieg allein mit ihrer Mutter in einem kleinen Haus in Dallgow-Döberitz.

Wo ihr Vater war, wusste sie nicht und ihre Mutter hatte es ihr verschwiegen. Wenn sie nach ihm fragte, hatte sie immer gesagt, dass er sie verlassen hatte, als Laura geboren wurde. Eines nachmittags, Laura kam gerade vom Einkaufen, sah sie einen Weg, den sie eigentlich noch nie beachtet hatte. Aber jetzt wurde sie neugierig und ging den Weg entlang. Der Weg war nicht lang, denn ein Zaun versperrte ihn. Davon ließ sich Laura aber nicht abhängen. Sie folgte dem Zaun und wenig später kam sie zu einem großen Tor. Dahinter war alles verwüstet und jede Menge Männer in Uniform liefen mit Waffen umher. Doch plötzlich sah ein Mann sie und sagte: "He, Kleine, verschwinde hier!" und ging weiter.

Laura hörte nicht, aber ein paar Minuten später: Ein lauter Schuss! Laura erschrak und rannte los. Sie rannte und rannte immer schneller, als sie endlich zu Hause war, war sie ganz bleich im Gesicht. Ihre Mutter bemerkte es sofort und Laura musste die ganze Geschichte vom Schuss erzählen. Danach wurde ihre Mutter ganz still und dann sagte sie: " Laura, Schatz, da wo du heute warst, ist dein Vater." "Was? Da ist mein Vater?" fragte Laura. "Ja, aber ich verbiete dir, noch einmal dorthin zu gehen!" "Kann ich wenigstens ein Foto von Papa haben?" fragte Laura. Dann wühlte ihre Mutter in einer Kiste herum und gab Laura ein altes Foto.

Damit ging Laura in ihr Zimmer und sagte: "ich werde doch noch mal da hin gehen."

Zwei Tage später, es war gerade 10 nach 8 Uhr, schlich sich Laura aus dem Haus. Als sie am Tor war, kam eine Truppe und ein Mann sah sie und wollte sie wegscheuchen, da zeigte sie ihm das Foto von ihrem Vater. Der Mann kam sofort angerannt, schaute sich das Foto an und sagte: "Ich glaub es nicht, du bist meine Tochter!" "Was, du bis...?" "Ja, ich bin dein Vater", sagte er. Als ihr Vater das sagte, hatte Laura ein komisches Gefühl, das mit Trauer und Freude zu tun hatte - aber sie war auch sauer, dass ihre Mutter sie belogen hatte.

Aber dann fiel ein Schuss und ihr Vater sagte: "Verschwinde, schnell!"

Laura rannte weg, natürlich sofort nach Hause und seitdem sah sie ihren Vater nie wieder.

Kriegskind
Christina Klotz, 12 Jahre
Das kleine Mädchen stand am Zaun zum Truppenübungsplatz. Sie staunte über all die großen Leute mit Waffen. Doch als einer von ihnen in Richtung Zaun kam, rannte sie weg.

Das kleine Mädchen hieß Lisa, wohnte in Dallgow und hatte einen großen Bruder. Sie war 5 Jahre alt und lebte mitten im 2. Weltkrieg.

Nachmittags, wenn sie mit anderen Kindern spielte, gingen sie oft zum Zaun. Hinter diesem Zaun übten die deutschen Soldaten. Da es gerade Winter war, sah man dort weniger Menschen. Die Soldaten flößten Lisa Angst ein. Auch mussten sie oft in den Bunker. Lisa mochte es nicht, danach die ganzen zerbombten Gebäude und überall die Toten und Verletzten zu sehen. Bisher hatte es sie noch nicht getroffen.

Es war Anfang Januar 1944 und Lisa kam gerade vom Spielen nach Hause. "Na, habt ihr Spaß gehabt?" fragte Lisas Mutter. "Ja", antwortete Lisa, "aber was ist mit dem Brief, den Papa bekommen hat?" "Er muss wahrscheinlich zur Armee", sagte Lisas Mutter mit einem Seufzer. Lisa zuckte zusammen, sie hatte doch so sehr gehofft, dass er nicht zur Armee muss. Doch jetzt musste er wohl. Lisa ging hoch und spielte mit ihren Bauklötzen.

Am nächsten Morgen verabschiedete sie sich und ging zu ihrer Freundin. Ihren Vater würde sie erst einmal nicht wiedersehen. Deshalb war ihre Stimmung die ganze Woche lang bedrückt. Nach zwei Wochen gab ihre Mutter ihr einen Korb und sagte, sie solle zum Zaun des Truppenübungsplatzes gehen. Dort werde ihr Vater auf sie warten. Sofort rannte Lisa los. Als sie am Zaun war, sah sie ihren Vater sofort. Er bedankte sich bei ihr und gab ihr einen Kuss. Ab jetzt schickte ihre Mutter Lisa einmal in der Woche zum Zaun. Das ging bis Ende Februar. Sie war gerade richtig zufrieden mit sich und der Welt, als ihre Mutter ihr sagte, dass ihr Vater in die Schlacht ziehen musste. Alle waren bedrückt und selbst Lisas großer Bruder, der sonst immer fröhlich war, schwieg.

Nach einem Monat kamen die Truppen wieder. Lisas Vater wirkte zwar erschöpft, lebte aber. Dies löste große Erleichterung aus. Lisa konnte sich endlich wieder auf ihr Leben konzentrieren und am Zaun ihren Vater treffen.

Es schien alles friedlich bis zum 11. April 1944. Lisa wollte gerade spielen gehen, da läutete die Alarmglocke. Schnell musste sie in einen Bunker. Sie schaffte es noch, aber da sah man auch schon die Flugzeuge. Man hörte, wie die Bomben einschlugen und dann Totenstille. Als sie wieder heraus kam, sah sie, was geschehen war. Einige Gebäude waren zerstört und überall roch es nach Rauch. Viele Leute weinten. Bald war klar, wer gestorben war. Darunter war auch Lisas beste Freundin, die auch gerade losgehen wollte.

Nach diesem Angriff wurden wieder Truppen ausgeschickt und auch Lisas Vater. Währenddessen waren Lisa und ihr Bruder zuhause. Sie durften nur noch selten nach draußen, wegen der Gefahr von Angriffen. Anfang Juni kamen die Truppen wieder. Aber diesmal hatte Lisas Vater nicht überlebt. Sein Name wurde nach dem Krieg auf eine Tafel eingraviert.

Es wurden immer weniger Soldaten. Deshalb musste man ab September 1944 mit 14 Jahren an die Front. Dieses Schicksal traf auch Lisas Bruder. Jetzt musste auch er gehen. Lisa brachte ihm immer die Körbe mit Essen, hatte aber auch Angst um ihn. Im Oktober schlugen viele Bomben ein. Nur noch wenige Häuser standen. Dann musste Lisas Bruder gehen. Sie bangte um ihn und dachte an die schöne Zeit, als sie im Schwanengraben baden waren. Ihrer Mutter erging es nicht viel besser. Dann kamen die Truppen wieder. Ohne Lisas Bruder. Er war in russischer Kriegsgefangenschaft gefallen.

In Dallgow standen inzwischen nur noch wenige Häuser. Immer mehr Krankheiten breiteten sich aus. Auch Lisas Mutter erkrankte an der Grippe, aber sie wurde geheilt. Die Russen kamen näher. Dann erkrankte auch Lisa an Typhus. Aber es gab nur noch wenige Medikamente, so musste sie warten. Draußen wurde es wärmer, aber Lisa wurde nicht gesund. Im April, kurz vor Kriegsende, starb sie.

Den Frieden hat sie nie erlebt.