Schreibexperimente rund ums Märchen

Wer erinnert sich nicht gerne an das wohlige Gruseln im sicheren, warmen Bett, wenn vor dem Einschlafen von Rotkäppchen, Cinderella, Schneewittchen oder Brüderchen und Schwesterchen vorgelesen wurde? Oder an dunkle Winternachmittage, mit duftendem Kakao, heißem Tee, köstlichen Keksen, vorweihnachtlichen Düften und einer Märchenstunde, bei der es garantiert ein Happy End gab?

Ganz gleich, in welchem Dilemma ein Märchenheld steckt: Wenn er sich und dem Guten treu bleibt, sich redlich um Lösung seines Problems bemüht und sich auf den Weg in eine bessere Zukunft macht, wird ihm geholfen. Scheinbar aus dem Nichts erscheinen magische Wesen und helfen, Frieden und Gerechtigkeit wieder herzustellen. Und da wir uns alle hin und wieder ein Wunder wünschen, haben Märchen etwas Tröstliches und werden von großen und kleinen Menschen immer wieder gerne gehört.

Beim Oktobertreffen wurde die Schreibgruppe zur Märchenwerkstatt.
Wie ist ein klassisches Volksmärchen aufgebaut, wie und warum entfaltet es seine Wirkung?
Natürlich wurden auch Märchen geschrieben, doch vorher wurden ein paar Methoden des kreativen Schreibens ausprobiert, um die Fantasie anzukurbeln.

Zum Beispiel durch das Schreiben von Elfchen.
Elfchen sind beim kreativen Schreiben ausnahmsweise keine Fabelwesen, sondern kleine Gedichte mit elf Wörtern, die in eine vorgegebene Form gebracht werden müssen. Christina Klotz fielen gleich mehrere Märchen-Elfchen ein, hier zwei Beispiele:

Wolf
er knurrt
ganz böse und
reibt sich den Bauch
Hunger!
           Hexe
die ist
böse in ihrem
Häuschen und verhext alles
Hilfe!

Eine andere Methode, mit der man sich auf das freie Schreiben eines Märchens vorbereiten kann, heißt "American underground" und funktioniert so: Man schreibt 10 Worte, die einem gerade in den Sinn kommen untereinander, sucht sich eins davon aus und beginnt damit eine zweite Reihe. Diese Wörter werden zu einem sinnvollen Satz zusammengefügt, der als Anfang eines Märchen dienen kann.

Um Anregungen zu bekommen, wie man die Gefühlswelt seiner Helden "bunter" und lebhafter gestalten kann, kann die Arbeit mit Stiften und Papier helfen. Welche Farben haben Gefühle?
Ein "Sensu-Mindmap" bringt es an den Tag. Rund um das Wort "Märchen" werden z.B. Begriffe gruppiert, die mit dem Gefühlen beim Hören des Märchens in Verbindung stehen: Ort, VorleserIn, Lieblingsfigur, Gerüche des Bösen (etc.).

Manchmal wird bei dieser Methode auch die eigene Stimmung aufgehellt und die Sicht auf ärgerliche Alltagsprobleme verändert, wie eine Schreibgruppenteilnehmerin erstaunt feststellte. Aller Ärger war plötzlich verflogen und der Zuversicht gewichen, man könne das Ziel vielleicht auch auf anderem Wege erreichen.

Spannend wurde es bei der großen Schreibaufgabe. Jede Teilnehmerin - die Jungen sind uns leider abhanden gekommen! - schrieb eine kurze Frage auf ein Kärtchen. Diese wurden gemischt und anschließend zog jede Teilnehmerin eine Frage, die zu einem Märchen mit gutem Ausgang verarbeitet werden sollte.

Ein Arbeitsbeispiel wird hier vorgestellt, weitere sind in Kürze unter "Geschichten aus dem Schreibworkshop" zu finden.

Lust bekommen, ebenfalls mal ein Märchen zu schreiben? Dann nichts wie los! Wir veröffentlichen gern auch Lesermärchen.
Bitte per e-mail an jmichaudpr@aol.com schicken.

Das Unsichtbarlein

Autorin: Christina Klotz

Es war einmal ein Buchstabe. Er hieß B und wollte unbedingt in die Buchstabensuppe. Aber sein Arbeitgeber Maggi wollte das nicht. So schmollte B vor sich hin und grübelte. Da erschien ihm das kleine Unsichtbarlein.

"Hallo", sagte es. B schreckte auf und fragte "Wer bist du?". "Das kleine Unsichtbarlein," sagte es, "kommt zu traurigen Leuten. Es hilft ihnen dann."
Nach der Erklärung war B ganz erstaunt und fragte, wie es ihm helfen könne. "Ich mache dich unsichtbar", sagte es. "Und wenn jemand in mein Zimmer kommt?" fragte B. "Kein Problem, die Tür wird verschlossen sein."

So zogen sie los. B war erstaunt, wie es war, unsichtbar zu sein. Die Leute gingen an ihm vorüber und wenn man ihnen auf den Fuß trat, guckten sie sich erstaunt um. So gingen sie und unterhielten sich. Als sie am Ziel waren, gab es ein Problem. Männer versperrten den Eingang und ließen alle nur einzeln durch. Da erklärte das Unsichtbarlein, dass es auch fliegen könne. So flogen sie über die Absperrung.

Als sie drüben waren, sagte das Unsichtbarlein, dass es ihn nun verlassen müsse. Sie verabschiedeten sich herzlich und B ging seines eigenen Weges. Er musste sich erst einmal zurechtfinden in dem ganzen Chaos von Gängen.

Schließlich fand er es. Er ging hinein und wurde gar nicht erst weiter befragt. So landete er doch noch an seinem Ziel und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt B auch noch heute.