9.30 Uhr, Kindergarten St. Martin am Wasserturm, Sportraum. Untypische Dialogfetzen klingen durch den Raum: "Ich mach ´nen roten Wasserturm!" "Hast du mal blau, ich brauche blau!" "Hier muss noch lila rein!" "Kannst du mir mal einen grünen Wasserturm machen?"
Eine riesige Plastikplane schützt den leuchtend gelben Hallenboden. Zwölf Jungen und Mädchen in langen Malerhemden gruppieren sich um eine so entstandene Insel. Inmitten der Kinderschar steht eine zierliche junge Frau, die Jeans lässig hochgerollt, Füße und Waden ebenso bunt gesprenkelt wie die großen Malblätter, die von den Kindern mit breiten Malerpinseln, Farbrollen und satten Künstlerfarben bearbeitet werden. Schablonen machen die Runde: Friedenstauben, Wassertürme, kleine Vögel. Konzentriert und mit großer Begeisterung sind die Kleinen bei der Sache.
Spielerisch und altersgerecht setzen sich die kleinen Künstlerinnen und Künstler hier mit dem Thema "Frieden" auseinander. Und sie bereiten unter fachkundiger Anleitung ihre erste Ausstellung vor. Zum "Tag des offenen Denkmals", am 11. September, werden die Exponate im Wasserturm, dem Wahrzeichen von Neu Döberitz, zu sehen sein.
Frieden, Wasserturm und Kinderzeichnungen - wie passt das zusammen?
Dort, wo heute für den Frieden gemalt wird, wurden über 100 Jahre Soldaten beherbergt, die auf dem Truppenübungsplatz Döberitzer Heide den Kriegsfall probten. Zuerst die Truppen Kaiser Wilhelms II, dann die der Nazis und bis 1989 lebten hier die russischen Besatzungskräfte. Das heutige Neu Döberitz war damals unterteilt in das "Alte Lager" und das "Neue Lager". Mannschaftsbaracken säumten noch bis 1995 die Wilhelmstraße. Außer dem ehemaligen Offizierskasino und dem Wasserturm, der als eine der ersten Versorgungseinrichtungen auf dem Gelände entstanden war, ist davon heute kaum noch etwas zu erkennen. Aus der "kriegerischen Phase" blieb lediglich eine ehemalige Mannschaftsbaracke. Sie steht neben einem Wasserturm aus dem Jahre 1895, wurde von der SEND unter Auflagen des Denkmalschutzes restauriert und wird heute ganz friedlich als Schlechtwetterspielplatz für die Kindergartenkinder genutzt.
Einmal im Jahr, am "Tag des offenen Denkmals", ist der Wasserturm zur Besichtigung freigegeben, europaweit sind am 1. Septemberwochenende Gebäude geöffnet, die der Bevölkerung normalerweise nicht zugänglich sind. Alljährlich steht dieser Tag unter einem offiziellen Motto, diesmal lautet es "Krieg und Frieden".
Das hat Doreen Büttner, eine junge Künstlerin aus dem Wohngebiet, gefallen. Spontan hatte sie die Idee, das Thema mit den jüngsten Neu Döberitzern künstlerisch zu bearbeiten. Zunächst einmal begann sie selbst mit dem Recherchieren.
"Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, was hier so alles los gewesen ist", berichtet sie. Seit 2003 lebt sie in Neu Döberitz und hatte sich mit der Ortsgeschichte bislang nicht auseinander gesetzt. Nun führte sie Gespräche mit Manfred Kluger, dem Ortschronisten, las Chroniken, arbeitete sich durch Berge von Fotomaterial. "Diese Fülle an Informationen hat mich fast erschlagen", sagt sie.
Komprimiert und verarbeitet hat sie die Informationsflut in zwei leichter zu verdauende Stücke. Das Thema "Krieg" setzte sie in einer Collage aus Postkarten und Bildern um, das angenehmere Thema "Frieden" bearbeitete sie mit den Kindergartenkindern.
Auch wenn die ganze Komplexität des Themas für diese Altersgruppe kaum greifbar ist, haben die Kinder doch ein paar geschichtliche Dinge mitbekommen. Sie durften den Wasserturm vorab besichtigen, erfuhren einiges über die Funktion des Bauwerkes und können nun auch beantworten, warum es an dieser Stelle steht. Und warum es besser ist, in Frieden und Sicherheit zu leben als in Unsicherheit und ständiger Angst, das verstehen schon die Jüngsten.
Eindringlich umgesetzt hat Doreen Büttner die Ängste kleiner Kinder angesichts von Leid und Zerstörung in ihrem Bild "Bessere Welt". Wie die Bilder der Kindergartenkinder und der Collage "Krieg" wird es am Sonntag, 11. September, von 10-18.00 Uhr im Wasserturm an der Wilhelmstraße zu sehen sein.
Wer mehr zur Vergangenheit und noch mehr zur Zukunft von Neu Döberitz erfahren möchte, kann am "Tag des offenen Denkmals" an einer Turmführung teilnehmen.
