Auf Exkursion zur Märkischen Allgemeinen oder:
Wie die Löcher in die Zeitung kommen und andere Geheimnisse

Wie entsteht eine Zeitung? Die Teilnehmer der SEND-Gruppe "Kreatives Schreiben" wissen das seit vergangenem Freitag ganz genau. Im Potsdamer Druckhaus der Märkischen Allgemeinen Zeitung gewährte uns Wolfgang Eckhardt, Lokalchef und damit Herr über die 15 Lokalausgaben der führenden Zeitung des Landes Brandenburg, einen tiefen Einblick in die Welt der Zeitungsmacher.

In seinem Büro wurde die Gruppe zunächst mit den Grundbegriffen des Zeitungsgewerbes vertraut gemacht: Worin unterscheiden sich Boulevard-, Regional- und überregionale Tageszeitungen? Welche Ressorts befinden sich im "Mantel" der Zeitung und warum hat eine Zeitung ein "Buch"? Wie wird ermittelt, was Leser gerne in ihrer Zeitung finden möchten?

Präsentation des Radaktionssystems Pointenreich und spannend vermittelte Wolfgang Eckhardt eine Fülle an Informationen über jene Tageszeitung, die in Brandenburg täglich von 150.000 Abonnenten bezogen wird. Mindestens doppelt so viele Menschen lesen sie, denn man geht davon aus, dass ein Exemplar an mindestens 2 Personen weiter gereicht wird. Dennoch reicht das kaum zur Finanzierung eines Verlages, der rund 550 Menschen in Lohn und Brot setzt. Redakteure sind davon die wenigsten, in dieser Zahl sind all jene enthalten, die in irgendeiner Form daran beteiligt sind, dass täglich eine MAZ erscheint, vom Austräger bis zum Verwaltungsmitarbeiter.

Cover der Samstagsausgabe An seinem Redaktionssystem demonstrierte der Lokalchef, wie das Zeitungsmachen in der Alltagspraxis aussieht und wie sich das Berufsbild des Redakteurs in den vergangenen 15 bis 20 Jahren gewandelt hat. Schreiben allein genügt schon lange nicht mehr, der Journalist ersetzt heute zwei komplette Berufsgruppen. Setzer sind entbehrlich, seit die Technik den Redakteuren diktiert, was im Rahmen eines vorgegebenen Satzspiegels an die richtige Stellte zu fließen hat. Früher diktierte der Redakteur seiner Sekretärin den Text und der Setzer "baute" die Zeitung erst am Bleisatz, später am Leuchttisch.

Ganz nostalgisch mutet es an, als von Journalisten die Rede war, die zu DDR-Zeiten mit eigenem Chauffeur von Termin zu Termin reisten und im Fond der Karosse ihre Texte zur Weiterverarbeitung vorbereiteten. Heute ist sogar die ausführliche Recherche vor Ort selten geworden, lediglich die Lokalredaktionen berichten noch regelmäßig direkt aus dem "wahren" Leben.

Überwiegend wird in den Agenturmeldungen recherchiert, die bis in die späten Abendstunden hinein in kurzen Abständen direkt auf den Bildschirm schwappen. Der Begriff "Informationsflut" kommt dem Betrachter in den Sinn, auch wenn die Auswahl automatisch nach Ressorts wie Wirtschaft, Politik, Kultur und Lokales sortiert werden kann. Lokale Neuigkeiten machen in Potsdam manchmal die Runde: Lokalredakteure leiten Interessantes an die Kollegen in den Nachrichtenagenturen weiter, diese speisen sie in ihr System ein und bringen sie nicht selten zurück auf die Bildschirme ihrer Produzenten!

Mit ein paar Klicks wählt der Redakteur aus, was wissenswert erscheint und baut es gleich ins tagesaktuelle Layout ein. Kommt später etwas Spannenderes hinein, wird ebenso schnell ein Austausch vorgenommen.

Ein letzter Blick auf das Cover der Samstagsausgabe und schon machten wir uns - den Texten auf der Spur - auf den Weg durch die Druckerei.

Druckplatten Farbprüfung Papier für 3 Tage

Als erste Station steueten wir die Druckplatten an, die in riesige Maschinen eingespannt und nacheinander mit den vier Grundfarben versehen werden. Nur eine Ecke weiter öffnete sich der so genannten "Papierkeller", eine imposante Halle, in der sich Papierrolle an Papierrolle reihte. 14 Km Recyclingpapier sind auf jeweils eine Spule gewickelt und bringen das stolze Gewicht eines Kleinwagens auf die Wage. Jeweils zweieinhalb Rollen werden in die Dreher eingefädelt und an den Druckplatten vorbei geführt wie ein überdimensionales Löschpapier, das ein vorgegebenes Muster aufsaugt. Wer nun dachte, die Halle sei eine Art Lagerraum, wurde eines Besseren belehrt: Die beeindruckende Spulenmenge reicht gerade mal für drei Tagesproduktionen.
Angesichts der riesigen Laufbänder, die bis an die Decke der nächsten Halle reichen, wunderte das dann niemanden mehr. Die Tatsache, dass erst Unmengen von farblosem, dann immer farbiger werdendem Papier als Ausschuss durch die Maschinen läuft, ehe die erforderliche Farbintensität erreicht ist, macht vieles verständlicher.

Dreher durch die Halle Die Beilagen sind bereit

Warum am oberen Zeitungsrand oft kleine Löcher zu sehen sind, erschloss sich als nächstes. Sie entstehen, wenn die Zeitung in eine Vorrichtung eingespannt und geschnitten wird. Auch die ungleiche Falte in der Zeitungsmitte hat ihren Sinn. Die ist nötig, damit die fertige Zeitung noch einmal aufgefächert und mit den verschiedenen Beilagen versehen werden kann, die schon fertig gedruckt in der nächsten Halle warten. Überdimensionale Förderbänder bringen die verschiedenen Druckwaren zusammen. Gigantisch und faszinierend mutet der Weg der Zeitung an und man staunt, wie viele Arbeitsschritte mit einem Bruchteil an menschlicher Arbeitskraft bewältigt werden. Überraschend wenige Drucker bekamen wir zur besten Arbeitszeit zu Gesicht, erst bei den letzten beiden Arbeitschritten wurde es ein wenig lebendiger.

Nach der Vereinigung von Zeitung und Beilagen übernimmt eine weitere Maschine das Zählen und packt sie in exakt die erforderliche Stapelmenge, die der Zeitungsbote am nächsten Morgen verteilt. Ins Auto muss die Stapel niemand tragen. Auf einem Laufband werden sie bis in den Kleinlaster transportiert, der bereits vor dem Gebäude auf seine Fracht wartet. Beladen wird bedarfsgerecht. Die Stapel, die zuerst den Wagen verlassen, werden als letzte eingepackt.

1. Ausgabe fertig Die Zeitung ist da Probelesen

Beeindruckt und nachdenklich zugleich verabschieden wir uns von Wolfgang Eckhardt. Wir haben viel gelernt bei dieser Exkursion und einen Menschen kennen gelernt, der mit Leib und Seele Zeitungsmacher ist.

Ps:
Schreibgruppenmitglied Christina hat gerade ein dreiwöchiges Schulpraktikum bei der MAZ absolviert und hat nun noch mehr Lust aufs Journalistenleben. Wer weiß? Immerhin folgte sie vor mehr als zwei Jahren dem ersten Teilnahmeaufruf für unsere Schreibgruppe: "Nachwuchsreporter gesucht".

Unser nächstes Treffen findet am Freitag, 6. Juli, von 16.30-18.30 Uhr in der Wilhelmstraße 4 statt. Wer Lust bekommen hat, mit uns zu schreiben, melde sich bitte unter 03322- 25 49 15 oder jmichaudpr@aol.com.