Das merkwürdige Pergament

von Jessica Hornemann

Shiva nahm das Pergament vom Tisch und spürte es schon wieder, dieses komische Kribbeln in der Hand. Seit ihr dieses Papier in die Tasche gerutscht war, obwohl sie immer noch nicht wusste wie, hatte sie gespürt, dass damit etwas nicht stimmte.
Es war vor einem Monat, als sie Shiva, ein 16jähriges Mädchen mit türkisen, langen Haaren und blau glänzenden Augen, es dort, in ihrer Tasche entdeckt hatte. Eigentlich wollte Shiva es wegschmeißen, aber irgendetwas trieb sie dazu, es doch zu behalten. Dieses Pergament schien ihr zu sagen: "Bitte wirf mich nicht weg, ich könnte dir später einmal behilflich sein."

Eine Art Macht schien von diesem Papier auszugehen, die sie dazu trieb, es nicht zu beschriften, geschweige denn, es in den Schrank zu packen. So auch zwei Tage, nachdem ihr das Papier erneut in die Hände gefallen war.
Gerade hatte ihre Mutter sie zum Essen gerufen.

"Was gibt es den?" fragte Shiva, die einen tierisch großen Hunger schob.
"Dein Lieblingsessen", antwortete ihre Mutter, "Spaghetti mit Kräuterkäsesoße."
"Mmmh, lecker!" schwärmte Shiva, "mach mit bitte extra viel…" ein schriller Schrei erklang.

Shiva und ihre Mutter erschraken, denn der Schrei kam weder von ihnen, noch von draußen. Sie schauten sich ratlos und Ohren zuhaltend an. Dann rannte Shiva durch das ganze Haus und fand nichts. Im nächsten Moment eine Explosion und noch ein Schrei, aber diesmal wusste sie von wem er war. Ihre Mutter! Sie reagierte blitzschnell und rannte runter, es musste etwas passiert sein, aber was? Sie wusste es nicht, aber sie rannte weiter, der Weg die Treppe hinunter und dann in die Küche kam ihr auf einmal so lang vor. Plötzlich stieg Rauch auf. Die Küche, sie brannte!

Shiva geriet in Panik, wo war ihre Mutter? "Mum, Mum, wo bist du?" rief Shiva verzweifelt. Sie bekam keine Antwort. Es war schrecklich. Eine ganze Hauswandseite war eingestürzt.

Shiva wusste nicht, was sie tun sollte, die Küche stand in Flammen, ihre Mutter war nirgends und sie fühlte sich allein. Doch erst einmal entschied sie sich, die Feuerwehr anzurufen. Wenig später kamen die Feuerwehr und der Notartz auch schon. Shiva´s Mutter fanden sie schnell, sie lag tief unter der Hauswand vergraben, aber sie war am Leben und das war das Wichtigste für Shiva.

Als nächstes rief sie ihre Lieblingstante an, die dann auch kam und Shiva mitnahm. "So Süße, sagte ihre Tante als sie bei ihr angekommen waren, "dein Zimmer ist das Gästezimmer, du weißt ja wo es ist, deine Sachen sind schon oben. Ach so, leg dich erst einmal ein wenig hin, du siehst müde aus."

"Okay", antwortete Shiva, denn sie war wirklich sehr erschöpft. Sie ging die Treppe hoch ins Zimmer und da glaubte sie ihren Augen nicht: Sie hatte alle Sachen zu Hause gelassen und wirklich gar nichts mitgenommen, dachte sie jedenfalls, doch in ihrem Zimmer schwebte das Pergament. Rund herum war goldenes Licht, das wie ein Mantel um das Pergament lag.

"Äh, was ist denn hier los? Ich hab´ das Ding da doch zu Hause gelassen", murmelte Shiva ganz irritiert.

"Ja, das hast du wirklich", sagte eine fremde Stimme. Shiva erschrak. "Wer spricht denn da?" fragte sie vorsichtig.

"Ich, ich spreche mit dir", sagte die fremde Stimme.
"Wer denn?", fragte Shiva noch verwirrter, als sie schon war.
"Na ich, das Pergament, das vor dir schwebt"!
"Du, du kannst sprechen? Na klar, ich glaub´s ja. Du kannst doch nicht sprechen! Kann mich mal einer kneifen, das ist ja nur ein schlimmer Albtraum, richtig oder nein? Ich bin bei der versteckten Kamera, richtig?" stammelte Shiva ganz verdattert.

Eine Weile war Ruhe, aber dann: "Nein, ich bin es wirklich, das Pergament, das vor dir ist. Das kannst du mir glauben!", sagte die Stimme wieder.
Jetzt war Shiva ganz verunsichert, aber sie versuchte, ganz ruhig zu klingen und sagte: " O.K., wenn du es wirklich bist, dann sag´ mir, wie ich dich entdeckt…"
"Du hast mich in deiner Tasche entdeckt und wolltest mich wegschmeißen, aber daran habe ich dich gehindert, indem ich dir geheime Signale geschickt habe," unterbrach die Stimme Shiva.

"Geheime Signale? Also du hast gesprochen?"
"Nein, du hast es so verstanden, aber eigentlich habe ich dir besondere Schallwellen geschickt. Dabei habe ich aber nicht bedacht, dass ihr Menschen das gar nicht versteht, naja, ist ja auch egal. Jedenfalls bin ich jetzt hier und habe dich gerettet und ich bin vollständig zufrieden," sagte das Pergament glücklich.

"Moment mal, langsam, du hast mich gerettet? Aber wie denn?, fragte Shiva ganz durcheinander. "Ist doch klar, als bei dir vorhin die Hauswand eingestürzt ist, kurz davor habe ich ganz schrill geschrieen, nur deshalb bist du durch die Gegend gerannt wie eine Irre", sagte das Pergament jetzt noch glücklicher und irgendwie stänkernder als vorher.

"Du hast was??? Dur hast so geschrieen?" Jetzt war Shiva richtig sauer. "Wegen dir ist die ganze Hauswand eingestürzt!"

"Irrtum, dank mir bist du noch am Leben. Denn die Hauswand wäre so oder so eingestürzt, es war nicht mein Schrei, das war ein bösartiger Dämon der sich genau gegen eure Hauswand geworfen hat und das mit voller Absicht, muss ich dazu sagen," sagte das Papier belustigt und es schien, als wäre es sogar noch stolz auf das, was es getan hatte.

"Ja klar, ein bösartiger Dämon, hallo, hältst du mich für blöd? Das gibt es doch nur im Märchen, wegen dir wäre meine Mutter beinahe…"

"Na, na, wir werden jetzt doch nicht etwa aggressiv?, unterbrach das Pergament Shiva wieder. "Glaub´ mir, es war ein Dämon und wenn du den Beinahe-Tod deiner Mutter rächen willst, dann hältst du jetzt dein kleines süßes Mündchen und hörst zu. Also, möchtest du dich rächen oder nicht?" fragte das Pergament ganz streng.

Shiva überlegte eine Weile, sagte dann aber: "Ja, okay, aber eine Frage habe ich noch. Warum bist du hergekommen?"
"Um den Dämon umzubringen, der meine Familie getötet hat. So und nun hör zu, denn ich erzähle dir jetzt deine Mission", sagte das Pergament fest entschlossen.

"Also", fing das Pergament an. "Erst einmal musst du wissen, dass dieser Dämon, den du bekämpfen musst…"

"Moment", unterbrach Shiva diesmal das Pergament, "ich muss ihn bekämpfen?"

"Ja klar, oder denkst du, dass ich das mache? Also nein, das musst du schon machen. Aber vielleicht ringe ich mich dazu durch, dir zu helfen, aber nur vielleicht. Naja, jetzt lass mich ausreden! Wo war ich? Ach ja, der Dämon ist sehr stark und wenn du ihn besiegen willst, musst du meinen Anweisungen folgen, verstanden?"

Shiva dachte nach. Wenn das jetzt eine Falle war und das Pergament sie nur ausnutzte, dann hatte sie ein Problem, denn sie hasste es, ausgenutzt zu werden!

"Verstanden?" hakte das Pergament nach.

"Ja, hab´ ich!" gab Shiva klar und deutlich zu verstehen, auch wenn sie es ein wenig später bitter bereute, denn eigentlich war sie noch gar nicht zu einem Entschluss gekommen und das "ja" war ihr einfach nur so rausgerutscht.

"So, deine Mission ist pipi-einfach. Du musst nur den Stein finden, mit dem der Dämon geleitet wird."

"Und wie mache ich das?" fragte Shiva, der jetzt ein ganz mulmiges Gefühl im Magen aufstieg.

"Du musst zu einem Berg, wo nur ein ganz besonderer Mensch wie du hingelangen kann. Dort, im Herzen des Berges, befindet sich der Stein und dann ist es ganz einfach: Wir müssen den Ort herausfinden, an dem der Dämon das nächste Mal zuschlägt. Das ist mein Teil, der wird von mir bearbeitet. Erstens habe ich da so meine Kontakte und zweitens: nicht dass du sagst ich sei faul gewesen! Wenn wir den Ort wissen, fliegen wir dahin und dann..."

"Shiva? Mit wem redest du da?"

Das war ihre Tante Tanja, eine wirklich hübsche Frau. Pinkfarbene, lange Haare, groß, schlank aber sie lebte immer noch allein, ohne Mann und ohne Kinder. Sie war jeden Tag allein und immer froh, wenn jemand bei ihr übernachtete.

"Ich hab´ doch gesagt du sollst schlafen! Ich fahre jetzt zu deiner Mutter auf die Intensivstation, wo du ja nicht mit hin kannst und später essen wir dann eine Pizza. Also ruh´ dich aus und bis nachher!"

"Ja, o.k., bis dann", antwortete Shiva schnell. "So, wir wurden unterbrochen, wo waren…"

Was war das? Das Pergament - es war weg! War es doch nur ein Traum und sie hatte im Schlaf geredet oder war es echt? Shiva war ratlos, sie wusste nicht mehr, was sie glauben sollte, also legte sie sich hin und schlief gleich ein. Wenig später wurde sie aus dem Schlaf gerissen, weil ihr zu kalt wurde. Zuerst bemerkte sie es gar nicht, doch dann, auf einmal, stellte sie fest, dass sie flog!
Über den Wolken, über der Stadt, sie wollte es nicht glauben! Sie rieb sich die Augen und guckte sich dann noch einmal um. Tatsache - sie flog. Und vor ihr war das Pergament, mit dem sie sich zuvor unterhalten hatte.

"Ach, auch schon aufgewacht, Prinzesschen?," fragte es ironisch.
"Ja, ich bin, aber, aber…" Shiva war ganz verwirrt. Wie konnte sie denn fliegen? Das verstand sie nicht. "Ich fliege, wie geht das, ich meine, wie kann das sein?" fuhr sie stotternd fort.

"Na um Himmels Willen, hast du denn gar nicht zugehört vorhin?" fragte das Pergament, das anscheinend stinksauer war." Das mach´ ich natürlich, meine Kräfte sind so stark, dass sie dich fliegen lassen können", beendete es seinen Satz.

"Doch habe ich", gab Shiva ganz verdutzt wieder. "Aber da war nie von fliegen die Rede."

"Ach nein?" antwortete das Pergament ganz erstaunt. "Dann habe ich das wohl ganz aus Versehen vergessen, so ein Mist aber auch! Naja, ist ja auch egal, ich denke, du weißt nicht wo wir sind?"

Shiva überlegte ganz kurz, sagte dann aber: " Doch, ich denke mal, wir sind auf dem Weg zu dem Berg, wo der Stein liegen soll, oder?"

"Wie kommt es denn, die kleine Göre hat aufgepasst! Ja, genau, wir sind auf dem Weg zu dem Berg, in dem sich der Stein der Zerstörung befindet", gab das Papier ganz gemein wieder.

"Ey, eins muss ich aber mal klarstellen", fing Shiva an, "Ich lasse mich nicht von dir als Göre oder sonst etwas Fieses bezeichnen, dass das klar ist, verstanden! Sonst kannst du den Stein allein holen und den Dämon kannst du auch allein besiegen, ist das klar?" Sie ging ganz fest davon aus, dass sich das Pergament entschuldigen und sie ab sofort als ein Geschöpf ansehen würde, das auch Gefühle hat.

"Okay, schon klar", sagte das Pergament mit so einer Stimme, dass Shiva tatsächlich glaubte, sie hätte ihr Ziel erreicht, doch plötzlich spürte sie einen Windzug um sich, als würde sie fallen und dann sah sie, wie der Boden und die Stadt immer näher kamen. Sie fiel wirklich! Als ihr das klar wurde, fing sie an, wie am Spieß zu schreien und kreischte: " Warum tust du das, hör auf damit, mach das rückgängig bitte!"
Plötzlich wurde sie langsamer. War sie etwa schon tot und hatte den Aufprall nur nicht gespürt? Doch dann sah sie, wie sie dem Pergament immer näher kam und das es doch tatsächlich anfing zu lachen!

"Haha," brüllte es, du hättest dich mal sehen müssen, wie du da gebrüllt hast und dir beinahe in die Hosen gemacht hast, einfach zum Schießen, das Ganze!"

"Sehr lustig, wirklich, ey mach das ja nie wieder, hörst du! Ich hätte verletzt werden können, ist dir das klar?" fragte Shiva, die jetzt richtig sauer war.

"Ja, ja reg dich ab, ich mach das auch nicht wieder, versprochen. Entschuldige wegen vorhin, aber ich war gekränkt, weißt du! Für dich bin ich nur ein Stück Papier, aber ich habe auch Gefühle, deshalb habe ich das gemacht, das ist einfach meine Art," sagte das Pergament und Shiva hatte den Eindruck, dass es ihm wirklich Leid tat.

"Gut, gut, Entschuldigung ist angenommen…"

"Wer sagt denn, das das eine Entschuldigung war?" unterbrach sie das Pergament und schon wieder wurde Shiva stinkig. "Ich entschuldige mich doch nicht, das war nur so eine Art wie "lass uns die Sache auf ein anderes Mal vertagen". Verstanden?"

"Ja klar, schon gut", sagte Shiva, die sich den Grund für diese Antwort schon dachte. Das war eine Überspielung einer kleinen Charakterschwäche, in Wirklichkeit tat es ihm doch Leid, doch es wollte nicht dazu stehen. Deshalb spielte sie einfach mit.

"Aber weißt du was? Ich habe mich wirklich gekränkt gefühlt, als du Göre zu mir gesagt hast, ich habe nämlich auch Gefühle, also lass das mit den fiesen Ausdrücken!"

"Ja klar, mach´ ich, sagte das Pergament, obwohl es innerlich die Finger kreuzte, da es äußerlich ja keine hatte. "So und jetzt weiter im Takt, wir sind nämlich gleich da", fing es an. " Also, wenn wir bei dem Berg angekommen sind, müssen wir erst einmal den Eingang finden. Wenn wir das getan haben, gehen wir hinein, suchen den Stein und gehen wieder raus."

"Das war ´s dann?" fragte Shiva, die dachte, dass da wesentlich mehr kommen würde. Sie war dann aber ziemlich froh, als das Pergament doch nur so wenig gesagt hatte, denn um so schneller könnte sie nach Hause und wieder ein ganz normales Leben führen!

"Nein, noch lange nicht", sagte das Pergament und schon sackte Shiva wieder in sich zusammen und verlor die Hoffnung, dass sie jemals wieder ein normales Leben führen würde.

"Du musst auf die fiesen Dämonen acht geben, die lauern hinter jeder Ecke, um Menschen wie dich zu fressen."

"Zu fressen?" unterbrach Shiva das Pergament, "davon war nie die Rede, das irgendwelche Dämonen mich fressen wollen!"

"Na was denkst du denn? Denkst du, die wollen mit dir Mensch ärgere dich nicht spielen? Da hast du aber falsch gedacht!" sagte das Pergament.

"Das ist schonklar, dass sie das nicht wollen", antwortete Shiva schnell, die sich diese Art von diesem Stück Papier nicht mehr gefallen lassen wollte.

"Gut, dann sind wir uns ja einig", entgegnete das Papier. "Hast du so weit alles verstanden? Du bleibst immer in meiner Nähe, klar?"

"Ja klar, ich bleibe bei dir, egal was passiert", entgegnete Shiva ganz untertänig, als ob das Pergament ihr König wäre und sie nur die dumme, kleine Magd vom Hof, aber tatsächlich wollte sie sich nur einen Spaß erlauben, denn was das Papier konnte, konnte sie schon lange. "Ich werde bei dir bleiben und dir gehorchen auf jeden Befehl den du von dir gibst!", spann sie weiter rum.

"Na, übertreibe es nicht du…, ach egal, wir sind da, also erschrick nicht, wir landen und es könnte holprig werden."

Tatsache, Shiva sah den Berg schon vor sich, ein riesengroßer, majestätisch wirkender Berg, dessen eine Hälfte in der Sonne glitzerte während die andere im Schatten stand, so dass es direkt gruselig wirkte - so gruselig, dass Shiva eine Gänsehaut bekam.

"So Shiva, hör zu: du gehst jetzt zu diesem Typ der da hinten steht, gibst ihm das hier" - das Pergament gab Shiva ein kleines, rundes Teil in die Hand.

"Was ist das?, fragte Shiva und betrachtete dieses kleine goldgrün schimmernde Ding, das winzige Maserungen auf der Oberfläche hatte.

"Hast du noch Geld gesehen?", fragte das Pergament barsch "Das ist Geld, womit man bezahlt".

"Das soll Geld sein? In welcher Zeit lebst du denn? Das ist Schrott! Damit bezahlt heutzutage keiner mehr!", antwortete Shiva die sich innerlich freute, auch mal Recht zu haben und es dem Papier auch mal zu zeigen.

"Das ist Geld, mit dem wir bezahlen, wir Dämonen, Papiere und andere Lebewesen, die du nicht kennst!", sagte das Pergament ärgerlich.

"Ach, das gibt es auch?", fragte Shiva ganz, ganz erstaunt.

"Ja klar, denkst du, bei uns ist alles umsonst? Nein, nein, bei uns muss man auch bezahlen", raunte das Pergament Shiva zu.

"Also eine Art Dämonengeld?", fragte Shiva ganz erstaunt, da sie wusste, dass es so etwas auch gibt und sich aber auch ziemlich ärgerte, dass sie doch falsch gelegen hatte mit ihrer Behauptung, das Geld sei schon zu alt um damit zu bezahlen.

"Ja, so in der Art", erwiderte das Papier. "So und jetzt geh´ schon und gib ihm das Geld, wir müssen uns beeilen!"

Shiva tat, was das Papier ihr sagte und rannte sofort los, doch dann wurde sie immer langsamer und schließlich blieb sie stehen.
Dieser Typ, der da stand, sah von weitem aus wie ein Mensch, aber je näher Shiva kam, desto mehr wurde ihr bewusst, dass es kein Mensch war, denn so langsam verwandelte dieser sich in einen grässlich grünen, schleimigen Dämonen.

"Bäh, was ist das denn, der ist ja eklig!" dachte Shiva.
"Na los, geh schon hin!" rief das Pergament von weitem. "Oder haste Angst?"
Shiva drehte sich um und schüttelte den Kopf. "Natürlich nicht", dachte Shiva und ging weiter.

Beim Dämon angekommen zögerte sie erst ein bisschen, aber dann gab sie ihm schnell das Geld und wollte zurück rennen, doch sie konnte nicht, denn etwas Schleimiges hielt sie fest.
Shiva geriet in Panik und fing an zu schreien. Aber es half nichts, sie kam nicht los. Sie rief nach dem Papier, aber es hörte nicht - was war hier los???
Shiva war ratlos
. "Was willst du?" fragte eine dunkle, schleimige Stimme.
Shiva sah das Monster an und das Monster machte ein fragendes Gesicht.
"W..w..warst du das?" stotterte Shiva. Das Monster nickte und fragte noch einmal:
"Was möchtest du hier?"
Shiva wusste nicht, was sie sagen sollte. Sollte sie antworten "den Stein holen?". Nein, das war zu riskant, aber was sonst? Sie musste lügen, das konnte sie ja gut.
"Eh,naja, ich wollte mich ein bisschen umgucken?" fragte Shiva und hoffte, dass das Monster ihr glaubte. "Ach so, dann sag´das doch! Aber heute ist nicht viel los, ich könnte dir nur die Dämonengrotte empfehlen, aber mehr ist hier heute nicht zu machen," sagte das Monster freundlich.
"Oh, danke, ich werde das beherzigen, sehr nett von Ihnen", bedankte sich Shiva. Nun wurde sie losgelassen.
Ganz schnell drehte sie sich um und rannte zum Pergament. Dort angekommen, war sie ganz aus der Puste.

"Was denn, hat der alte Dingo dir Angst gemacht?" fragte das Pergament.
"Dingo!" schrie Shiva "Du kennst ihn? Warum bist du denn nicht hingegangen?" fragte sie.
"Naja, ich hab´s nicht mehr so mit ihm, Streit zwischen unseren Familien, aber nicht weiter erwähnenswert", gab das Pergament zu. "Sag mal, was hast du ihm eigentlich gesagt, wo wir hin wollen? Doch nicht etwa, ach, wir wollen den Stein klauen?" fragte das Pergament schnell.
"Nein, natürlich nicht, aber das hättest du mir auch früher sagen können, dass er wissen will, wohin wir gehen! Ich hab´ gesagt, das ich mich umgucken will und das hat er mir abgekauft!", sagte Shiva, die jetzt sehr stolz auf sich war.
"Jaja, der alte Dingo, dumm wie eh und je", sagte das Pergament belustigt. Mit diesem Satz machten die beiden sich auf den Weg, um den Eingang zu finden.
Sie suchten überall und fanden nichts, doch dann ging Shiva zu einem Busch, der sich genau in dem Moment, als sie ihn berühren wollte, in zwei Hälften teilte und einen Höhleneingang frei legte.
"Super, du hast ihn gefunden!" rief das Papier, das gerade angeflogen kam.
"Okay und jetzt gehen wir rein?", fragte Shiva ängstlich.
"Ja, los, gehen wir und vergiss nicht, bleib in meiner Nähe!" mahnte das Pergament. Dann gingen die beiden durch den Höhleneingang und wurden von Dunkelheit umgeben.
"Siehst du was?", flüsterte Shiva.
"Warte einen Moment, gleich wird es hell," beruhigte sie das Pergament, dann murmelte es "Ava bra Licht!"
Plötzlich zuckte ein heller Blitz und die Höhle erstrahlte in gleißendem Licht.
"Okay, und jetzt?" fragte die Shiva, die sehr erstaunt war über das, was das Pergament gerade eben getan hatte, aber es nicht zeigen wollte, weil so oder so nur eine patzige Antwort zu erwarten war.

"Naja, jetzt gehen wir zum Stein im Herzen des Berges. Frag´ mich jetzt ja nicht, wo das Herz ist, ich weiß es selbst nicht", sagte das Pergament schnell.
"Toll, das hilft mir jetzt aber viel", gab Shiva zurück, die sich auf das Pergament verlassen hatte.

Also gingen sie einfach drauf los, hin und her und Shiva kam es vor, als würden sie im Kreis laufen. Aber das Pergament behauptete stets, sie wären richtig und bestimmt gleich da. In der Hoffnung, sie seien wirklich gleich da, folgte Shiva dem Pergament, obwohl ihr klar war, dass es auch nicht wusste, wo der Stein war. Schließlich verlor sie die Orientierung und dazu noch das Pergament.

"Pergament? Wo bist du? Ey, komm jetzt, mach keine Scherze mit mir, ich finde das nicht lustig!" schrie Shiva, die sich sehr fürchtete. Sie rannte los, weil sie hoffte, das Pergament doch noch zu finden, aber nirgends war auch nur ein Schnipsel zu sehen. Doch dann ertönte ein lautes Knallen, die Erde bebte und genau unter ihr tat sich ein großes Loch auf. Shiva fiel und fiel, immer weiter. Sie geriet in Panik und schrie: "Hilfe, Hilfe, Pergament, hilf mir doch endlich. Bitte!" flehte sie noch, als sie sehr hart landete. Sie sah sich um. Weit und breit war nichts zu sehen. Es war ruhig, irgendwie zu ruhig. Als hätte Shiva es gewusst, bebte die Erde schon wieder, doch diesmal kam ein riesiges haariges Etwas aus der Erde geschossen, etwas, das aussah wie ein Wurm. "Oh,oh - nein, was…was ist das? Pergament, hilf mir doch, was soll ich tun?" schrie sie.
Das Monster griff sie an, Shiva bekam einen Riesenschreck, wich aber noch rechtzeitig aus. Jetzt hatte sie unvorstellbare Angst, aber was sollte sie machen? Wegrennen? Nein, das war unklug, das Monster würde ihr hinterher kommen. Aber was sonst?
"Du musst ihm genau zwischen die Augen stechen", rief jemand. Diese Stimme kannte sie, zu oft hatte sie sich schon von dieser Stimme beleidigen lassen. Es war das Pergament, aber diesmal war sie froh, es zu sehen.
"Hey, das bist du ja!" rief Shiva erleichtert, "wie soll ich das denn machen? Genau zwischen die Augen? Das schaff ich nicht, ich hab´nicht mal was zum Stechen!" jammerte sie, während sie dem Monster auswich.

Das Pergament murmelte wieder etwas, was sie nicht verstand und schon hatte sie ein Schwert vor sich liegen. Shiva griff schnell zu, rannte zu einem Felsen und kletterte hinauf. Das war ihre einzige Chance, es dem Papier zu zeigen und sich das Leben zu retten. Als sie ganz oben auf dem Felsen angekommen war, stellte sie sich aufrecht hin, wartete einen Augenblick und warf dann das Schwert, doch es prallte ab.
"Nein!" schrie Shiva.
Doch auf einmal bewegte sich das Schwert wie von Zauberhand und traf das Monster direkt zwischen den Augen. "Danke", sagte Shiva, die genau wusste, dass das Pergament dahinter steckte.
"Wie, was…was meinst du, ich hab´grad gar nichts gemacht, ich schwöre! Und glaub´ mir, das kommt nicht oft vor, das ich was schwöre," sagte das Pergament.
"Aber wer war das dann?" fragte Shiva, die dem Pergament kein Wort glaubte.

"Keine Ahnung, ist jetzt aber auch egal, dazu kommen wir später. Mach das nie wieder, hörst du? Nie wieder, ich hab´gesagt, du sollst in meiner Nähe bleiben!" meckerte das Pergament, aber insgeheim lachte es sich ins Fäustchen, da es Shiva gerade schon wieder verarscht hatte. "Haha, ist die blöd", dachte es sich, da es nicht wusste, dass Shiva es schon durchschaut hatte.

Das Monster lag tot auf dem Boden, es war totenstill.

"Na gut, gehen wir weiter", sagte das Pergament und sie nahmen die Suche nach dem Stein erneut auf.
Sie kamen an riesigen, unheimlich wirkenden Felsen vorbei und sie sahen noch einige Dämonen, die sie aber nicht angriffen. Jedes Mal sagte das Pergament : "Die sind wahrscheinlich hier, um sich die Dämonengrotte anzusehen."

Shiva war das ziemlich egal, ihr war kalt und sie fand es gruselig in der Höhle. Am liebsten wäre sie sofort nach Hause gegangen, aber das ging ja nicht. Doch dann, endlich, sahen sie etwas blau Schimmerndes leuchten, Shiva spürte, wie es rings um sie herum sehr warm wurde, fast wie in einer Sauna, aber irgendwie angenehmer.

"Das ist er, der Stein, er ist genau da, ich spüre ihn!" rief das Pergament, das auf einmal ganz nervös wirkte. "Ja, ich spüre ihn auch, es ist auf einmal sehr warm hier. Lass´ mich raten, ich muss ihn holen, ja?" fragte Shiva, die das "muss" extra betonte, weil sie wusste, sie könnte sich die Frage ebenso gut sparen.
"Ja klar, oder denkst du, ich mache das? Nein, meine zarte Papierhaut verträgt diese Hitze nicht, also geh jetzt und beeil dich!" beendete das Papier seinen Satz.

Ja, ja, schon gut," maulte Shiva genervt und rannte los.
Sie rannte zum Stein und versuchte, ihn zu nehmen, aber sie musste gegen eine Art Gegenwind ankämpfen, gegen die sie nicht ankam.

"Ich schaff´es nicht, was soll ich machen?" fragte sie das Papier.
"Weiter kämpfen und nicht aufgeben", ermutigte sie das Papier, während es seine Papierspitzen begutachtete.

"Ach ja, dann werd´ ich mal", stöhnte Shiva und machte sich erneut ans Werk. Doch es ging immer noch nicht. Sie versuchte es weiter und immer wieder kämpfte sie gegen den Wind an, doch es klappte nicht.

"Papier!" schrie Shiva wütend. "Ich schaffe das nicht!"

"Mach weiter, verflixt noch mal"! schrie das Papier zurück. "Wir müssen uns beeilen," sagte es dann ruhig und begutachtete seine Papierspitzen wieder.

"Mensch, hat der schlechte Laune," dachte Shiva und startete einen neuen Versuch. Aber diesmal rannte sie noch schneller los, genau auf den Stein zu. Sie rannte und rannte, immer weiter - dann hörte sie ein lautes Knallen und sie spürte ein Erdbeben, danach sah sie ihre Mutter unter den Steinen des Hauses liegen.

Wieder hatte Shiva Angst, sie schrie nach ihrer Mutter, ihr liefen die Tränen aus den Augen, sie wollte nicht mehr, wollte aufgeben, doch sie konnte nicht mehr zurück. Was sollte sie tun? Sie wollte anhalten, doch sie kam nicht zurück und plötzlich sah sie, wie sich vor ihr ein großes Loch auftat. Sie lief genau darauf zu, dann sah sie Monster, die sie angreifen wollten, aber bei jedem Angriff einfach durch ihren Körper hindurch gingen. Der krönende Abschluss aber war das Pergament, das sie genau vor dem Loch erblickte. Es hielt sich den kleinen Papiermagen vor lachen - dann verschwamm alles vor ihren Augen und sie fiel direkt in das Loch. Alles wurde schwarz.

"Shiva? Wach` auf!" hörte sie eine bekannte Stimme von weit her rufen.
"W.. was ist los?" fragte sie, als sie langsam wieder zu sich kam.
"Du hast es geschafft, du kleine Kämpferin, du! Ich bin stolz auf dich, das kann ich gar nicht beschreiben!" sagte das Pergament begeistert.

"Was??? Ich hab´s geschafft? Aber ich bin doch in ein Loch gefallen und ich habe ein lautes Knallen gehört und…" "Ja, das ist logisch", sagte das Pergament schnell. "Du hast wahrscheinlich alles noch einmal durchgemacht, was du in der letzten Zeit erlebt hast. Es sind die Kräfte des Steines, die dich dazu zwingen, aber du hast es geschafft, du hast ihn geschnappt", erklärte das Papier.
"Aber Moment mal, wie konnte ich den Stein denn greifen? Ich bin doch in ein tiefes Loch gefallen?" fragte Shiva ganz verdattert.
"Mensch, das waren die Kräfte, schon mal daran gedacht, dir die Ohren zu putzen?", fragte das Papier. Das mit den Ohren putzen überhörte Shiva einfach. Sie wollte sich nicht mehr ärgern lassen. "Also, das war so eine Art Angstloch?" fragte sie. "Äh, ja, so kann man es auch nennen. So, und jetzt ruh´ dich erst einmal ein wenig aus, danach machen wir uns weiter auf die Suche", beendete das Pergament ihr Gespräch.