Schreibend spielen, spielend schreiben

Schulstress, Praktikum, Verpflichtungen – beim November-Schreibworkshop waren uns erstmals die Mädchen abhanden gekommen. So bestimmten diesmal die Jungs, wohin sich die Geschichten entwickelten, denn es standen Schreibspiele auf dem Programm, Texte also, die gemeinschaftlich entwickelt werden. Wie zum Beispiel der surrealistische Klassiker „cadavre exquis“, zu deutsch „der köstliche Leichnam“: Bei diesem Spiel kreist ein Blatt, auf das jedes Schreibgruppenmitglied einen beliebigen Satz schreibt und es anschließend so knickt, dass der nächste Schreiber ihn nicht sieht. Der nächste Schreiber verfährt ebenso und reicht das Blatt an den dritten weiter. Erst wenn die Zahl der vereinbarten Durchgänge erreicht ist, wird das Blatt entfaltet. Das Ergebnis ist immer wieder verblüffend, denn Sinnzusammenhänge lassen sich immer wieder herstellen.

Fantastische Sprünge durch Jahrhunderte Schreibspiele haben eine lange Tradition. Schon im 16. Jahrhundert vergnügte man sich bei Hofe mit derartigen Spielen. Damals konnten allerdings nur wenige Menschen lesen und schreiben, denn obwohl der Buchdruck schon Mitte des 14. Jahrhunderts erfunden worden war, blieben diese Fertigkeiten noch knapp zweihundert Jahre lang ein Adelsprivileg. Im Zuge der Aufklärung gelangte das gesellige Spiel mit Worten in die bürgerlichen Haushalte. Während der Romantik hatten „literarische Salons“ Hochkonjunktur. Dort traf man sich zum gemeinsamen Schreiben und Vorlesen, entwickelte Ideen für Romane und Novellen, verfasste kunstvolle Briefe, ersann gemeinsam Streitschriften und probierte auf dem Papier neue Lebensformen aus. Schreiben, denken und verändern gehörten schon damals zusammen!

Dadaisten, Surrealisten und Futuristen begaben sich zwischen den beiden Weltkriegen mit Stift und Papier auf die Suche nach neuen Ausdrucksformen. Über das paradoxe und oft völlig regelfremde oder verfremdende Spiel mit Worten, das sich formalen Ordnungen völlig widersetzte, wurden politische Zustände und Entwicklungen in Frage gestellt. Dabei gab es durchaus einen ernsten Hintergrund: Hinter allen Eskapaden stand die Frage, wie die Menschheit zu einem friedlichen und demokratischen Miteinander finden kann. Nach dem 2. Weltkrieg war geselliges Schreiben für gut 30 Jahre völlig „out“.

Erst mit der Wiederentdeckung der Individualität besann man sich in den 1970er Jahren wieder auf literarische Spieltraditionen. Diesmal mit dem Anspruch, alle Gesellschaftsschichten an der „literarischen Geselligkeit“ teilhaben zu lassen. Erstmals kamen Menschen unabhängig von Bildung und Geschlecht zum Schreiben zusammen. Das Spiel mit Worten erlebte eine Renaissance, die bis heute unvermindert anhält.

Neugierig geworden? Wer gerne selbst erleben möchte, wie viel Spaß die „literarische Geselligkeit“ machen kann, ist herzlich eingeladen, hineinzuschnuppern in unsere Schreibgruppe. Die nächste Gelegenheit dazu ist am Freitag, 19. Dezember, 16.30 -18.30 Uhr, in der Wilhelmstraße 4. Bitte anmelden unter 03322- 25 49 15 oder schreiben@michaudpr.de


Und so kann ein „Cadavre exquis“ aussehen:
von Thorge Thomsen, Maxim Reen und Jutta Michaud

Es war tiefschwarze Nacht und ein Hund heulte in der Ferne.
Und er ging in den Sonnenuntergang hinein.
Heute leuchtete der Himmel blutrot.
Ein Bettler suchte verzweifelt im Mülleimer nach Essen.
Er war krank, todkrank, doch bis jetzt hatte es sein Stolz nicht zugelassen, ins Krankenhaus zu gehen.
Tom packte wütend seine Sachen, stand auf und knallte die Tür hinter sich zu.
Und der räudige, einäugige Hund der Nachbarin wühlte im Boden nach Regenwürmern.
Um sich zu beruhigen, trank er einen Rum.
Sushi wäre jetzt lecker!
Durch die Tür des Mietshauses sickerte langsam Blut hervor.
Plötzlich spürte er ein starkes Stechen in der Herzgegend.
Vor der Tür wartete eine aufgeregte Menschenmenge darauf, dass sich Robert am Fenster zeigte.
Kenny war tot!
Doch so plötzlich, wie es gekommen war, geht es auch wieder weg.
Dunkelheit breitet sich in Neu Döberitz aus.
Warum hatte das geschehen müssen?
Doch er verlor das Bewusstsein, knallte auf die Straße und als er aufwachte, hatte er ein neues Herz.
Mit einem Seufzer klappte Helga das Buch zu.