Texte aus dem Workshop

Und so kann ein „Cadavre exquis“ aussehen:
von Thorge Thomsen, Maxim Reen und Jutta Michaud

Es war tiefschwarze Nacht und ein Hund heulte in der Ferne.
Und er ging in den Sonnenuntergang hinein.
Heute leuchtete der Himmel blutrot.
Ein Bettler suchte verzweifelt im Mülleimer nach Essen.
Er war krank, todkrank, doch bis jetzt hatte es sein Stolz nicht zugelassen, ins Krankenhaus zu gehen.
Tom packte wütend seine Sachen, stand auf und knallte die Tür hinter sich zu.
Und der räudige, einäugige Hund der Nachbarin wühlte im Boden nach Regenwürmern.
Um sich zu beruhigen, trank er einen Rum.
Sushi wäre jetzt lecker!
Durch die Tür des Mietshauses sickerte langsam Blut hervor.
Plötzlich spürte er ein starkes Stechen in der Herzgegend.
Vor der Tür wartete eine aufgeregte Menschenmenge darauf, dass sich Robert am Fenster zeigte.
Kenny war tot!
Doch so plötzlich, wie es gekommen war, geht es auch wieder weg.
Dunkelheit breitet sich in Neu Döberitz aus.
Warum hatte das geschehen müssen?
Doch er verlor das Bewusstsein, knallte auf die Straße und als er aufwachte, hatte er ein neues Herz.
Mit einem Seufzer klappte Helga das Buch zu.

Ich träume…
von Thorge Thomsen, 14 Jahre

In meinem ersten Traum, an den ich mich erinnere, lief ich ganz allein eine Brücke entlang. Plötzlich war sie zu Ende und ich blickte ins Nichts. Das machte mir Angst. Danach habe ich mich geweigert über Brücken zu gehen. Mein Vater musste mich tragen. Brücken spielten in meinen Träumen immer wieder eine Rolle. Ich hatte das Gefühl, ich verliere den Boden unter meinen Füßen. Jetzt, da ich zehn Jahre älter bin, gehe ich alleine über Brücken, aber so ein unangenehmes Gefühl im Magen habe ich immer noch.

Ich, Karl Birlmann aus Berlin bin noch nie mit einer Seilbahn gefahren. Warum sollte ich auch, denn ich habe weiß Gott Besseres zu tun, als mit einer Seilbahn zu fahren und mir den Hals zu brechen. Leider verstehen das meine Eltern nicht. Sie verstehen sowieso vieles nicht. Sie verstehen nicht, dass ich lieber tanze als Fußball zu spielen oder dass ich lieber dichte als irgendeinen blöden Wrestlingkampf im Fernsehen zu sehen. Und sie verstehen nicht, dass ich so ängstlich bin, besonders wenn ich mich gerade im Winterurlaub in Italien befinde und mit einer Seilbahn fahren muss, um in die höchsten Höhen zu gelangen, dort, wo die Hänge so steil und ein Paradies für Skifahrer sind. Sie finden, ein Junge hat stark und mutig zu sein. Sie wissen nicht, was mir passiert.

Seit mir meine Eltern gesagt haben, wir würden zusammen zum Skilaufen fahren, träume ich häufig von Drahtseilen. Immer passiert das Gleiche. Auf irgendeine Weise bin ich auf dem Drahtseil gefangen und kann nicht vor und nicht zurück. Und dann passiert etwas Schreckliches. Meistens falle ich vom Seil hinunter in eine tiefe Schlucht. Und dann wache ich auf. Schweiß gebadet und um Atem ringend liege ich in meinem Bett und kann nicht mehr einschlafen. Und so liege ich dann wach bis zum Morgen, müde und verängstigt. All das erzähle ich meinen Eltern nicht, denn sie würden mich nur auslachen und mich nicht verstehen. Meine Eltern haben sowieso nie viel Zeit für mich. Mein Vater ist Ausbilder bei der Armee und selten zu Hause. Er geht früh morgens ins Kadettenlager, wenn ich noch schlafe und kommt erst spät abends zurück, wenn ich schon wieder im Bett liege. Er liebt seinen Beruf. Ich sehe ihn selten. Ich kenne ihn kaum. Bei meiner Mutter ist es nicht anders. Sie arbeitet zwar nur halbtags in einer Werbeagentur, doch sobald sie Feierabend hat, geht sie mit ihren Freundinnen Bingo spielen. Auch sie sehe ich nur am Abend. Meist sitze ich alleine zu Hause, lese viel, schreibe Gedichte oder Tagebuch.

Vor einigen Tagen sind wir hier in diesem Dorf angekommen. Jeden Morgen versuchen sie mich zum Skifahren, oben auf dem Gletscher, zu bewegen. Daraus wird nie etwas, denn dann müsste ich ja mit der Seilbahn fahren. Ich fahre lieber alleine auf Pisten, die man gut hoch laufen oder mit einem Schlepplift erreichen kann. So wie sie mich drängen, glaube ich, machen sie den Urlaub mit mir nur, um aus mir einen starken, mutigen Jungen zu machen. Aber das klappt nicht. Jetzt liege ich hier in meinem Bett in unserem Hotel und kann nicht einschlafen. Ich denke an die Träume der letzten Nächte und hoffe, der Urlaub möge bald zu Ende sein. Und dann, nach einiger Zeit döse ich langsam ein.

Ich hänge kopfüber an einem Seil, unfähig mich zu bewegen. Unter mir ist eine breite Schlucht, mit einem großen See, in dem viele Krokodile schwimmen, die so aussehen, als hätten sie schon seit Tagen nichts mehr zu fressen bekommen. Auf einmal merke ich, wie sich langsam der Knoten löst, mit dem ich festgebunden bin. Die Füße rutschen aus der Schlinge, die mich hält. Ich falle und falle direkt auf die Krokodile zu, die schon ihre großen Mäuler geöffnet haben, um mich zu empfangen.

Schweißgebadet wache ich auf, mein Atem geht schnell und ich spüre mein Herz klopfen. Als ich mich wieder beruhigt habe, gucke ich aus dem Fenster und sehe, dass die Sonne langsam aufgeht. Meine Eltern schlafen noch und ich werde sie nicht wecken. An Schlaf ist sowieso nicht mehr zu denken, also ziehe ich mich an und gehe leise aus dem Hotelzimmer in den Aufenthaltsraum des Hotels. Dieser ist fast leer, bis auf einen kleinen, alten Mann mit Glatze und weißem Schnurrbart, der in einer Illustrierten blättert. Ich kenne diesen Mann. Ich habe ihn letztens auf einem Spaziergang getroffen, als meine Eltern beim Skifahren waren. Ich habe mich mit ihm unterhalten. "Guten Tag.", sage ich. Der alte Mann blickt von seiner Zeitschrift auf und sagt mit einem stillen Lächeln: "Guten Tag, Karl. Setz dich doch zu mir." Der Alte hat mir von Anfang an gefallen. Er ist nicht so wie meine Eltern. Er versteht mich und ihm habe ich auch die Sache mit meinen Träumen erzählt. Nachdem ich mich auf den Stuhl neben ihm gesetzt habe, fragt er mich: "Und Karl, hattest du wieder einen deiner Träume?" "Ja, hatte ich", sage ich. Und dann erzähle ich ihm, was ich geträumt habe. Eine Weile sagt der alte Mann nichts, doch dann erwidert er langsam: "Weißt du, Karl, ich war auch einmal so wie du. Damals machte ich mit meinen Eltern Urlaub an der Nordsee. Ich wollte da eigentlich nicht hin, denn die Nähe zum Meer machte mir Angst. Ich ging nicht mit meinen Eltern segeln, obwohl sie mich oft drängten. Im Winter, nach unserem Urlaub gab es einen schlimmen Sturm und das Haus, in dem wir gewohnt hatten, wurde weggespült. Als ob ich etwas von dem Unglück geahnt hätte. Wer weiß, wozu deine Angst gut ist." Nachdem er geendet hat, steht der alte Mann langsam auf und sagt: "So mein Junge, ich gehe jetzt erst einmal frühstücken und du solltest am besten zu deinen Eltern zurückgehen, sie machen sich bestimmt schon Sorgen. Aber denke über meine Worte nach, Junge." Und ohne ein weiteres Wort verlässt er das Zimmer.

Als ich in den Frühstücksraum komme, sind meine Eltern schon da. Kaum habe ich mich zu ihnen gesetzt, reden sie auch schon auf mich ein: "Ach, komm schon, Karl. So schlimm ist Seilbahn fahren nun auch wieder nicht!", sagt meine Mutter. "Wir sind zum Skifahren hier und nicht zum Herumsitzen!", meint mein Vater. "Seit einer Woche tust du nichts anderes als lesen, essen und schlafen. Komm wenigstens einmal mit zum Skifahren.", drängt mich wieder meine Mutter. "Ich fahre auf Pisten Ski", meine ich leise. "Aber die sind so klein, dass sie schon zu Ende sind, ehe man überhaupt losgefahren ist. Probier wenigstens einmal mit der Seilbahn zu fahren, damit du auch mal die großen Pisten siehst.", ereifert sich mein Vater. Eigentlich will ich meine Ruhe haben und deswegen verspreche ich den beiden, dass ich morgen mit ihnen fahren werde. Nachdem diese Worte aus meinem Mund gerutscht sind, erschrecke ich. Was habe ich getan? Ich weiß, dass meine Eltern mich morgen beim Wort nehmen werden und es gibt kein Zurück mehr. Ich will aber nicht in eine Seilbahn steigen. Das kann ich nicht. Meine Eltern erheben sich und gehen Richtung Fitnessraum. Nachdem ich gegessen habe, beschließe ich, zu dem Hügel hinter dem Hotel zu gehen, auf dem ich jeden Tag ein wenig Ski fahre. Er ist gerade einmal so hoch, dass ich mühelos hinauf laufen kann.

Als ich wieder einmal oben ankomme, fällt mein Blick auf den Alten, der dort steht, auf seinen Krückstock gestützt und freundlich lächelnd. "Ja", sagt er, "bleibe bei dir. Du machst das schon richtig, Karl." Dann geht er langsam zum Hotel zurück. Ich fahre noch eine Weile weiter Ski, bis auch ich mich auf den Weg zum Hotel mache.

Nach dem Abendessen gehe ich früh ins Bett und bin schon bald eingeschlafen.

Ich stehe auf einem Drahtseil. Ich balanciere. Das Seil ist über eine breite Schlucht gespannt. Ich sehe die beiden Enden des Seils. Auf einmal tauchen auf beiden Seiten zwei Gestalten mit Äxten auf. Ich erstarre, als ich erkenne, dass diese Personen ein Abbild meiner Selbst sind. Jetzt hacken sie mit ihren Äxten auf das Drahtseil ein und es erzittert unter ihren Schlägen. Ich verliere mein Gleichgewicht und stürze ab. Ich falle und falle und falle. Auf einmal gibt es einen Szenenwechsel. Ich befinde mich auf dem Boden der Schlucht. Mir ist nichts geschehen, nicht einmal eine Schürfwunde habe ich. Um mich herum sind viele aufgeregte Leute. Sie rennen herum und gestikulieren wild. Als ich einen von ihnen frage, was denn los sei, scheint er mich nicht zu wahrzunehmen. Ich drehe mich kopfschüttelnd um und frage einen anderen. Doch auch dieser bemerkt mich nicht. Ich schreie laut. Immer wieder die gleichen Worte: "Was ist passiert?" Doch keiner nimmt Notiz von mir.

Ich wache auf. Ich befinde mich wieder in meinem Bett, doch ich bin nicht nassgeschwitzt wie sonst und habe auch kein Herzklopfen. Ich bleibe im Bett liegen und denke über meinen Traum nach. Was hat er zu bedeuten? Warum waren die Menschen so aufgeregt gewesen? Und warum hatte mich keiner bemerkt? Ich weiß es nicht.

Nach dem Mittagessen kommen meine Eltern. "Auf geht's!", sagt mein Vater. "Wohin?", frage ich ihn. "Na zum Skifahren! Hast du das etwa vergessen?", lacht meine Mutter. Da kommt es wieder über mich, wie eine Welle. Richtig, der Ski-Ausflug. Den hatte ich durch meinen Traum total verdrängt. "Ich glaub, ich will doch nicht", murmel ich leise. "Wie bitte? Du willst nicht?", fragte meine Mutter, mit nun nicht mehr ganz so freudiger Stimme. "Du hast es uns versprochen. "Ich weiß", nuschele ich. "Versprechen bricht man nicht, das ist fast so schlimm wie Befehlsverweigerung", meine mein Vater in seinem Armee-Ton. "Wir geben dir jetzt fünf Minuten. Wenn du bis dahin nicht mit deinen Skiern draußen vor der Tür stehst, gibt es ein Donnerwetter!", brüllt mein Vater. Dann gehen die beiden zur Tür hinaus. Was soll ich machen? Auf der einen Seite will ich nicht mit der Gondelbahn fahren. Auf der anderen ist es unklug, sich meinem Vater zu widersetzten. Wenn er erst einmal in Rage ist, ist er schwer wieder zu beruhigen. Ich muss also wohl oder übel mit. Langsam erhebe ich mich, gehe in den Keller, wo die Skischuhe stehen und setze mich. Mein Paar habe ich schnell gefunden. Ich nehme es von der Wand und stelle es auf den Boden. Dann schlüpfte ich hinein. Mit zitternden Fingern binde ich erst den einen, dann den anderen Schuh zu. Dann gehe ich einen Raum weiter und nehme mir meine Skier. Mir ist schlecht! Sehr schlecht! Ich gehe nach draußen, wo meine Eltern schon ungeduldig auf mich warten. "Da kommst du ja endlich.", schnauzt mich mein Vater an. "Lasst uns gehen." Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen. Meine Angst wird mit jedem Schritt größer. Ich zittere und klappere mit den Zähnen, aber nicht vor Kälte. Plötzlich rutsche ich weg. Ich verliere den Halt und falle. Ich lande direkt auf meinem Knie. Im ersten Augenblick merke ich nichts. Dann durchzuckt mich ein höllischer Schmerz. Mein Knie schwillt rasend schnell an und ich kann nicht mehr aufstehen. Meine Eltern, die vor mir laufen, halten an und gucken genervt zu mir zurück. "Na los, steh schon auf", meint meine Mutter. "Ich kann nicht, ich glaub', ich habe mich verletzt", presse ich durch meine Zähne hindurch, während dicke Schmerzenstränen über mein Gesicht kullern. "Das... das hast du absichtlich getan.", stammelt mein Vater. "Das hast du nur gemacht, weil du nicht fahren willst, du Wicht. Steh auf, wir fahren trotzdem." "Es geht nicht", wiederhole ich. "Natürlich geht das", brüllt mein Vater zurück. Er kommt zu mir zurückgestampft, greift mir unter die Achseln und will mich auf die Beine stellen. Doch meine Mutter greift ein. "Friedrich, nun lass mal gut sein, ich glaube nicht, dass der Junge sich absichtlich verletzt hat. Er kann wirklich nicht laufen. Am Besten setzten wir uns erst einmal irgendwo hin. Die Gondel kriegen wir sowieso nicht mehr, denn die fährt gerade los." "Na gut ", grummelt mein Vater. "Setzen wir uns eben in das kleine Restaurant dahinten und warten auf die nächste Gondel." Und so zerrt er mich hoch und wir gehen ganz langsam zum Restaurant. Auf halbem Weg gibt es auf einmal einen ohrenbetäubenden Lärm. Mir bleibt fast das Herz stehen. Die Gondel, die eben losgefahren ist, fällt mit rasender Geschwindigkeit durch die Luft. Es gibt abermals einen lauten Knall und ich weiß, dass die Gondel in der Schlucht aufgeschlagen ist. Mir wird schlecht. Überall um uns herum schreien Menschen, alle rennen durcheinander. Auch mein Vater rennt los in Richtung der Gondel. Er hat mich ganz vergessen. Ich sacke auf den Boden und weine. Etwas Schreckliches war geschehen.

Am 3.2.1998 geschah eines der größten Unglücke der Seilbahngeschichte in Cavalese (Italien). An dem klaren, sonnigen Tag starben bei einem Unfall 20 Menschen aus sechs Nationen (u.a. sieben Deutsche). Ein US-Amerikanischer Flieger war zu einem Tiefflugtraining aufgebrochen. Aus ungeklärten Gründen flog der Pilot Richard Ashby zu tief und durchtrennte um 14 Uhr das Drahtseil, das die Gondeln an der Seilbahn befestigte. Eine Gondel mit 20 Menschen stürzte über 80 Meter in die Tiefe. Alle Insassen waren sofort tot. Der Pilot wird später von einem US-Gericht der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

Dieses große Unglück hat mir einen harten Schlag versetzt, denn ich könnte jetzt tot sein. Noch heute denke ich oft darüber nach, warum ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, als ich dabei war, in den sicheren Tod zu fahren, fiel und mein Knie verletzte. Meine Eltern sagen, es war pures Glück, aber ich bezweifle das. Ich glaube, meine Angst hat uns gerettet. Sie war mein Schutzengel. Seit diesem Ereignis hatte ich keine Alpträume mehr. In meinen Träumen tauchten sogar nie wieder Seilbahnen oder Drahtseile auf. Das Erlebnis hat mir gezeigt, dass ich auf meine innere Stimme hören soll. Der Alte hatte Recht gehabt, dass ich Vertrauen haben soll in mich. Heute bin ich schon erwachsen und es macht mir nichts mehr aus, in eine Seilbahn zu steigen; doch ein wenig Respekt habe ich immer noch vor diesen Dingern. Seit diesem Ereignis achte ich auf meine Gefühle und respektiere meine Ängstlichkeit, auch wenn meine Eltern mich gerne mutiger gehabt hätten. Aber sie lassen mich in Ruhe. Ob auch sie spüren, dass es gut ist, eine innere Stimme zu haben?


Morgens um Sieben
von Euandra Budke, 12 Jahre

Wie jeden Morgen um sieben stand ich an der Bushaltestelle und wartete auf den Bus. Und wie jeden Morgen kam der Bus zu spät. Ich seufzte.

Meine Klassenlehrerin, Frau Schmid, hatte also wieder einen Grund, mir einen Klassenbucheintrag wegen des zu spät Kommens zu verpassen. Ich sah zu der jungen, blonden Frau mit dem Kinderwagen hinüber.
Seit ich in der 1. Klasse war, und das ist nun schon sechs Jahre her, sehe ich sie hier pünktlich um Sieben stehen. Ich habe gesehen, wie sie immer neue Typen anschleppte und diese, meistens um Sieben an der Bushaltestelle, wieder verließ. Aber mit diesem Typen hatte sie anscheinend einen auf Ernst gemacht. Er hatte nicht, wie alle anderen zuvor, blonde, gegeelte Haare, Lederjacke und Sonnenbrille, sondern braune Haare, die glatt und ordentlich um den Kopf lagen. Statt einer Sonnerbrille trug er eine runde Streberbrille. Ich nannte ihn im Stillen Nick.

Nick war zwar ein langweiliger Name, die anderen nannte ich Ben oder Kevin, aber Nick passte zu diesem langweiligen Typen.
"Nick" und die blonde Frau, die ich "Nicole" nannte, lachten und alberten herum. Nick tat so, als ob er Nicole vor den Bus schubse. Sie lachte.

Der Bus! fiel mir siedend heiß ein und ich wandte mich um. Genau in diesem Moment kam er um die Ecke gebogen. Nur sieben Minuten zu spät. Vielleicht würde Frau Schmid mir doch keinen Eintrag verpassen. Genau in diesem Moment geschah es: Eine alte Dame hastete heran, in der Hoffnung, den Bus noch zu bekommen. Nick sprang vor, entriss der Dame ihre Handtasche, schubste sie hin und lief davon.

Am nächsten Morgen stand in der "Xenener Morgenzeitung":

"Xenen. Ein mehrfach straffällig gewordener 30jähriger Mann namens Nick Roberts schubste gestern an der Bushaltestelle eine alte Dame nieder und beraubte sie ihrer Handtasche. Zeuge waren der Schüler Tom N., Roberts Freundin Nicole L. sowie der Busfahrer und einige Fahrgäste. Nicole L. steht unter Schock und ist zurzeit mit ihren neunmonatigen Sohn Nikolaus in einem Frauenhaus untergebracht."

Ich bin echt gut im Namen raten, dachte ich.
Zwei Wochen später sah ich Nicole an der Bushaltestelle mit einem neuen Typen herumknutschen, den ich aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Bassisten von Tokio Hotel sofort Georg taufte. Ich fragte mich, was wohl mit Nikolaus passiert sei.


Der Austausch
von Leonie Mikulla

18. Jan. 2004
Liebe Jana,
Ich habe gestern ganz doll geweint weil wir uns nicht von einander verabschiedet haben, tut mir wirklich Leid! Ich hab gestern nicht verstanden was du mir da ins Ohr gepustet hast. Du hast immer ein Geräusch, wie eine Dampflokomotive gemacht. Mama war ganz doll wütend, weil es ins Ausland doch so viel kostet. Und die Margit von der Austauschorganisation will doch nicht, dass wir so lange telefonieren und ich wollte ja auch Schluss machen aber du sagst dann immer noch was und noch was, da kann ich dann nicht aufhören. Ist ja so schön deine Stimme zu hören.
Ich freu mich schon so riesig auf dich, am meisten auf deine Ankunft! Dann kann ich dich endlich mal wieder umarmen und sehen, deine neue Familie natürlich auch. Aber was ich dich doch mal fragen wollte: Du hast uns doch noch genauso lieb, wenn du wieder kommst. Nicht, dass du dann Fernweh hast, das fände ich nämlich nicht so gut. Will ja eine fröhliche Schwester haben. Wie wohl deine Austauschschwester ist, wenn sie herkommt?
Schade, dass ich kein französisch kann, dann könnte ich Cyrielle was schreiben. Wie gut, dass ich so einen lieben Dolmetscher wie dich habe, der einem alles übersetzt. Aber was ich dich fragen wollte: Jetzt wo Cyrielle deine kleine Schwester ist, hast du mich doch trotzdem genauso lieb oder? Ist ja unfair, auf einmal hast du so viele Schwestern und ich habe gar keine mehr. Es ist ja auch gut das du erst mal alleine kommst dann hab ich dich ganz für mich! Stell dir mal vor, gestern am Telefon habe ich vergessen was noch mal "Ich verstehe nicht" auf Französisch heißt, das hat nämlich Cyrielle zu mir gesagt, als ich ihr was erzählen wollte. Ich hab es dauernd mit "Wie heißt du?" verwechselt, da habe ich nicht verstanden, dass sie dauernd meinen Namen vergisst. Wie doof, solche Missverständnisse. Du hattest am Anfang doch sicher auch Probleme. Ich weiß ja noch, einmal hast du am Telefon geweint. Aber jetzt brauchst du ja bald nicht mehr zu weinen, weil du ja dann wieder hier bist. Ich beneide dich übrigens echt um dein Französisch. Französisch klingt so schön. So elegant irgendwie. Du klingst am Telefon auch schon wie eine echte Französin! Ich kann aber auch schon ein wenig: Chére Cyrielle et Chére Jana. Liebe Cyrielle und Liebe Jana. Und "Groß bisous" kann ich auch sagen. Viele Küsschen. Und je t'aime. Ich liebe dich. Das stimmt wirklich! Ach, ich hab dich so lieb! Bis von deinem Zuhause zu meinem Zuhause. Komisch, dass wir zwei Verschiedene haben. Aber bald ist das anders. Zum Glück. Bin schon gespannt ob du anders aussiehst wenn du wieder kommst.

         Groß bisous, Deine Leonie

06. Mai 2007
Liebe Leonie,
Nun ist es schon Mai, jetzt kommst du bald zurück. Ich habe mir das Datum gemerkt: 12. Juni. Das ist meine Glückszahl. Wenn ich traurig bin, denke ich an den 12. Juni.
Neulich habe ich in den alten Briefen, die ich mal bekommen habe, gestöbert, da habe ich einen Brief entdeckt, den du mir am 18. Januar 2004 geschrieben hast. Da war ich, wie du jetzt, gerade in Frankreich. So tauschen sich die Rollen. Jetzt bin ich die allein gelassene Schwester, die von Zuhause schreibt und du die, die im Ausland ist. Einen Satz fand ich so niedlich: Einmal hast du am Telefon geweint, jetzt brauchst du ja bald nicht mehr weinen, weil du dann wieder hier bist.
Du hast nie geweint. Mir haben alle gesagt, dass du ganz tapfer bist. Meine tapfere kleine Schwester. Ich habe dich so lieb. Ich vermisse dich in jedem Augenblick. Dabei haben wir uns so oft gestritten. Seit du weg bist, ist es so still geworden. Niemand der Quatsch macht und rumschreit, niemand der lacht und nervt und einen ärgert.
Wie wird es sein, wenn du wiederkommst? In der Schule bin ich immer sehr einsam. Vorher konnte ich mit dir in der Pause zusammen sein. Jetzt geht das schon so lange nicht mehr. Noch einen Monat. Schaffen wir das zusammen? Vorgestern ist ein Brief mit Fotos angekommen. Erst habe ich dich gar nicht erkannt. So groß bist du geworden. Als du den Brief damals geschrieben hast, warst du erst acht Jahre alt. So klein. Jetzt siehst du schon aus wie ein Teenager. Aber richtig hübsch. Auch deine neue Familie sieht nett aus. In deinem Brief hast du geschrieben: Jetzt hast du so viele Schwestern und ich hab gar keine mehr. Jetzt ist es umgekehrt. Damals klang es fast ein wenig vorwurfsvoll. Ich könnte jetzt auch vorwurfsvoll sein. Hast du damals gedacht, dass auch du eines Tages weggehst? Sicher nicht. Du kannst ja nicht in die Zukunft blicken. Hier sind die ganzen Blumen aufgeblüht. Jetzt gerade liege ich unter einem Kirschbaum. Weiße Blüten. Und die duften so gut. Es ist schön an dich zu denken. Ob du immer noch so verspielt bist?
Jetzt rede ich gar nicht über mich. Dabei interessiert dich das sicher mehr, Aber ich habe jetzt keine Lust darüber zu reden. Daran denke ich jetzt nicht. Und du willst doch, dass ich dir schreibe, woran ich denke. Wie lange dauert es, bis du an meiner Stelle in einer Briefschachtel kramst und diesen, dann so alten, Brief entdeckst, ihn liest und nur noch lächelst. Damals, heißt es dann.
Ja, damals. Damals als ich weg war. Jetzt wo du weg bist.
Habe dich so lieb.
Guck mal was ich schreiben kann: Je t'aime. Weißt du was das heißt?
Damals hast du es gewusst.

          Deine Jana


"Traurige Weihnachten"
von Jessica Hornemann

Es war der 23.12.1992 als Bellatrix wieder einmal in ihrem Bett hockte und Tagebuch schrieb. "Böses Tagebuch"!
Ich habe mal wieder Migräne. Woran das liegt? "Woran das liegt fragst du mich?" schrie sie. Das tat sie immer,sie fragte ihr Tagebuch Sachen und dann stellte sie wie eine gestörte die gleiche Frage noch einmal sich selbst,nur dass sie sich dann selbst anschrie.

"Na ganz einfach", schrieb sie, "morgen ist Weihnachten und ich hasse Weihnachten"!
"Dieses ganze dumme Familien getuhe,dieses Fröhliche Weihnachtsgesinge auf den Straßen, ich kann es einfach nicht mehr hören"! schrieb sie fertig,schmiss ihr Tagebuch in irgendeine Ecke und ging sauer auf die Straße ,um kleine Kinder mit Schnee abzuwerfen. Draußen angekommen spielten viele Kinder friedlich miteinander und an der Ecke stand der Kirchenchor und sang Weihnachtslieder.

"Verschwindet!" schrie sie und warf viele Schneebälle zum Kirchenchor und zu den Kindern.
"Hey! Es ist Weihnachten!!" sagte ein schwarzhaariger Junge.
"Lass mal Enrico,es gibt auch Kreaturen, die sogar an Weihnachten merkwürdig sind!" gab ein frech aussehendes Mädchen zurück.
"Ja,aber es an friedlichen Kindern auslassen nur weil man selbst keine Familie hat, ist echt das Letzte!" sagte Enrico.
"Ich habe gesagt verschwindet! Ihr und euer blödes Weihnachten!" schrie Bellatrix, die langsam sauer wurde. "Ja ja, erzähle du nur,komm Tialda gehen wir." fügte Enrico hinzu, zog das Mädchen mit sich und ging lachend davon.

Bellatrix zog sich wütend in ihr kleines altes Häuschen zurück. "Diese nervtötenden Biester, denen werd ich es schon noch zeigen!" meckerte sie laut, doch dann wurde sie ruhig. Es stimmte, sie hatte keine Familie. Ihren Vater kannte sie nicht, sie hatte auch nie nach ihm gefragt und er hatte sie auch nie interessiert. Ihre Mutter hatte sie einfach vor 9 Jahren, da war sie 5, sitzen gelassen. Seit dem hätte sie sich eigentlich selbst versorgen müssen, wäre da nicht eine alte böse Dame gewesen,die ihr Essen und Trinken gab und ihr ein wenig lesen,schreiben und rechnen bei brachte. Diese alte Dame war gewiss kein Engelchen,sie war sehr streng und manchmal, wenn Bellatrix nicht hörte, wurde sie sogar von ihr geschlagen. Zu Weihnachten oder zu Ostern war die alte Dame immer irgendwo ein über den Durst trinken, weil auch sie, so vermutete Bellatrix, eine schlechte Vergangenheit gehabt haben musste.
Deshalb hatte Bellatrix nie erfahren was Freude oder Liebe ist,sie hatte nie Geschenke bekommen,nie wurde sie mal in den Arm genommen und getröstet wenn sie mal weinte. Und genau das war der Grund warum sie Weihnachten so hasste.
"Das Fest der Liebe, paah!" schimpfte Bellatrix, dann legte sie sich wütend in ihr Bett und schlief ein.