Schreibgruppenmitglied Euandra Budke hat sich auf dem Weihnachtsmarkt zu der folgenden Geschichte inspirieren lassen.

Ein Tag im Dezember

Weihnachtsbaum Lebkuchenduft hängt in der Luft, überall sind grelle, blitzende Lichter. Ich schiebe mich durch die Menge. Die meisten Leute stehen vor kleinen runden Tischen, trinken Glühwein, essen Maronen und sprechen darüber, was sie Onkel Fritz oder Tante Lieschen zu Weihnachten schenken wollen. Letztes Jahr gehörte ich auch dazu, ich saß mit meiner kleinen Schwester in dem Riesenrad dort drüben, sie jauchzte vor Vergnügen. Doch heute widert mich das alles nur an. Ich schiebe einen fetten Mann beiseite, der eindeutig zu viel Glühwein getrunken hat, und stehe endlich vor dem Stand, dessen Maronen meiner Schwester letztes Jahr so liebte.

Die kleine rotwangige Verkäuferin lächelt mich an und fragt freundlich: „Was soll es denn sein? Eine Tüte heißer Maronen, wo es doch jetzt so frostig ist? Die Kälte ist wirklich..“

„Genau das!“ Fauche ich sie an. Mir ist jetzt nicht danach, ein Gespräch über die Kälte zu führen. Ich spüre sie auch so. Dankbar für die warme Kastanie, die die nette Verkäuferin mir lose in die Hand gedrückt hat, lasse ich mich nun weiter vom Strom treiben, bis ich an der Bushaltestelle stehe. Während ich warte, kommt ein Weihnachtsmann, gefolgt von lachenden Kindern, vorbei. Wäre meine Schwester hier, sie würde freudig zu ihm rennen, so wie letztes Jahr… In den Bus steigen nur wenige Leute ein. Die meisten besuchen ihre kranken Verwandten nur, wenn sie vortäuschen können, wenig Zeit zu haben.

Während ich die lose Marone esse, schaue ich gedankenverloren aus dem Fenster und sehe ein kleines Kind, dass seiner Mutter aufgeregt eine Puppe im Schaufenster zeigt. Das Kind ist so alt wie meine Schwester. Krankenhaus

Der Bus hält. Ich merke, dass das meine Haltestelle ist. Erschrocken springe ich schnell aus der Tür und sehe mich um. Unsinn, ich weiß genau, wie es hier aussieht. Trotzdem dauert es unnötig lange, bis mein Blick das weißgestrichene Gebäude streift, das ich so hasse. Ich fasse die noch warme Maronentüte fester, setze ein gezwungenes Lächeln auf und laufe durch das grässliche Metalltor mit der Aufschrift „Krankenhaus“.


Zum letzten Schreibworkshop dieses Jahres treffen wir uns am Freitag, 17.Dezember, 18.00Uhr, mit der Autorin Wiebke Eden in Berlin. Im Januar öffnen wir die Gruppe wieder für neue Mitglieder: Wir starten am Freitag, 21. Januar, 16.30 Uhr, wie immer im Besprechungsraum der SEND in der Wilhelmstraße 4. Bitte telefonisch anmelden unter 03322 - 25 49 15 oder schreiben@michaudpr.de.