Fingerübungen und Handwerkszeug


Wie geht das eigentlich?

KleingruppenarbeitKleingruppenarbeit

In unserem Schreibworkshop beschäftigen wir uns immer wieder mit dem unverzichtbaren Autoren-Handwerkszeug. Das können Stilmittel wie die Frage nach der passenden Erzählperspektive sein, Besonderheiten eines Genres oder kleine Kniffe, die in einem Text den entscheidenden Unterschied ausmachen.
„Wie bekommt man als Autor die zum Beispiel Zeit in den Griff, wenn sich das Geschehen über Stunden, Tage, Jahre oder gar Jahrzehnte erstreckt?“ Das war die Ausgangsfrage beim Februar-Treffen der SEND-Schreibgruppe.

Hilfreich ist es, sich einmal darauf zu konzentrieren, wie Autoren vorgehen, die es schon auf die Bestseller-Listen geschafft haben. Grundsätzlich gilt: Neue Zeitabschnitte werden fast immer mit einem neuen Abschnitt oder Kapitel eingeführt, in der Regel, ohne eine „große Sache“ daraus zu machen.

In einem Internet- oder E-Mail-Roman heißt es dann z.B. schlicht „Freitag, 15. März, 16.44 Uhr“ – die konkrete Zeitangabe passt zum Medium. Aber wie sieht es bei einer Kurzgeschichte aus, die sich genretypisch um eine bestimmt Situation herum entwickelt?

  • Einen Tag kann man z.B. anhand der Lichtverhältnisse, Geräusche oder Temperaturen (Mittagshitze, Abendnebel) verstreichen lassen. Eine andere Möglichkeit ist es, die Figuren Tätigkeiten verrichten zu lassen, die man bestimmten Tageszeiten zuschreibt. (z.B. Zähneputzen, kurz vor Ladenschluss etwas einkaufen etc.). Bei einem Schultag bietet sich der Wechsel zwischen den Fächern an, ebenso die großen und kleinen Pausen. Wenn man einen größeren Zeitrahmen setzen möchte, reicht ein Satz wie dieser: „Noch acht Wochen bis zu den Herbstferien“. (aus: Judith Schalanksy: Der Hals der Giraffe)

Erstreckt sich eine Erzählung über eine längere Zeitspanne, z.B. um eine Reise, kann das Verstreichen der Zeit an den Wechsel zwischen verschiedenen Orten gekoppelt werden, an besondere Verkehrsmittel oder Verkehrsbedingungen. Zum Beispiel so:
„ Am nächsten Morgen reisten sie nach Rom weiter. Der Zug rollte aus Florenz heraus und war mitten in der toskanischen Landschaft (…) Er kam langsam voran, hielt an jeder Station zehn Minuten, die Reisenden stiegen aus und schwangen sich, wenn er anfuhr, mit südlicher Unbekümmertheit wieder aufs Trittbrett, wobei sie redeten und lachten“. (aus: Antal Szerb: Reise im Mondlicht)

Bei längeren (Roman-)texten gibt es die Möglichkeit, mit kleinen und großen Zeitabschnitten zu „spielen“ und damit eine dynamische Spannung zu erzeugen. Anbei eine kleine Auswahl an Möglichkeiten:

  • Die Natur verändert sich. Erst sprießen die Krokusse, dann werden Erdbeeren gepflückt, Kinder galoppieren über Stoppelfelder oder sammeln bunte Blätter, es schneit.
  • Die Umgebung verändert sich: Wo früher Felder nur waren, stehen jetzt moderne Einfamilienhäuser, der gammelige Baggersee wurde renaturiert und zum schicken Stadtrandstrand umgemodelt.
  • Die Hauptperson verändert sich innerlich und äußerlich, bekommt graue Haare, wird dicker oder dünner, hat keine Piepsstimme mehr, ist selbstbewusster als zuvor.
  • Soziale oder politische Bedingungen verändern die Lebensumstände der Protagonisten. (Typisch für die sogenannten „Wenderomane“)
  • Auch wiederkehrende Ereignisse können als Stilmittel eingesetzt werden: Die Hauptperson ist zum Beispiel zum 1. Mal beim Sommerfest in Neu Döberitz, erinnert sich beim nächsten Mal, wie sie sich zwei Jahre zuvor aufs Bungee Jumping gefreut hat oder steht mit den eigenen Kindern auf der Festwiese und trifft eine alte Lehrerin.

Wer aufmerksam liest – und wer schreiben möchte, sollte unbedingt viel lesen! – wird sicher noch weitere Möglichkeiten entdecken, um das Verstreichen von Zeit in wenigen Sätzen zu schildern. „Alle zehn Sätze einen kurzen Blick in die Umgebung werfen“ lautet eine goldene Schreibregel“. So schnell muss die Zeit zwar nicht vergehen, aber dieser Blick kann auf jeden Fall auch genutzt werden, um den zeitlichen Rahmen zu skizzieren.

Nächster Schreibworkshop: Freitag, 16. März, 16.30 Uhr. Bitte Anmelden unter jmichaudpr@aol.com oder 03322 – 25 49 12.